Im Januar 1978 betritt eine neunzehnjährige Frau die britische Poplandschaft und singt in einem Register, das es dort nicht gibt. Ihr Debüt »Wuthering Heights« erreicht Platz eins der UK-Charts – nicht trotz, sondern wegen einer Stimme, die alles unterläuft, was Radio-Pop von einer weiblichen Vokalistin erwartet. Was hier beginnt, ist mehr als eine Karriere. Es ist die Eröffnung eines ästhetischen Feldes.
I. Das Ungehörte hörbar machen
Die Musikwissenschaft hat für das, was Kate Bush mit ihrer Stimme tut, keine befriedigende Kategorie. Sie ist keine Koloratursopranistin, obwohl sie deren Höhen erreicht. Sie ist keine Belting-Sängerin, obwohl sie deren emotionale Direktheit besitzt. Sie ist keine experimentelle Vokalistin im Sinne von Meredith Monk, obwohl ihre Techniken gelegentlich an Performance Art grenzen. Kate Bush operiert in einem Zwischenraum, den man am ehesten als vokale Liminalität bezeichnen könnte.
Dieser Begriff ist nicht willkürlich gewählt. Victor Turners Konzept des Liminalen – jener Schwellenzustand zwischen zwei klar definierten Positionen – beschreibt präzise den Effekt, den Bushs Stimme auf Hörerinnen und Hörer ausübt. Man weiß nicht, ob man Schönheit oder Verstörung hört. Man ist sich nicht sicher, ob das noch Gesang ist oder schon etwas anderes. Genau in dieser Unentscheidbarkeit liegt ihre Kraft.
Die Hexe ist nicht diejenige, die böse Dinge tut. Die Hexe ist diejenige, deren Stimme sich den Kategorien entzieht.
Was bedeutet es, wenn eine Stimme sich Kategorien entzieht? In der westlichen Musikgeschichte ist die weibliche Stimme ein hochgradig reguliertes Terrain. Von der Gegenreformation, die Frauen aus dem Kirchenchor verbannte, über die Domestizierung des weiblichen Gesangs im bürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts bis zur Formatierung weiblicher Vokalistinnen in der Popindustrie des 20. Jahrhunderts – die Geschichte der singenden Frau ist eine Geschichte der Kontrolle. Und die Geschichte der Hexe ist, unter anderem, die Geschichte derjenigen, die diese Kontrolle durchbricht.
II. Genealogie einer Ästhetik
Die Verbindung zwischen der Hexenfigur und der weiblichen Stimme ist kein metaphorischer Zufall. Sie hat eine materielle Geschichte, die bis in die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen zurückreicht. In den Prozessakten des 16. und 17. Jahrhunderts taucht die Stimme der beschuldigten Frauen als Beweismittel auf: Zu lautes Sprechen, ungewöhnliche Intonation, das Murmeln von Formeln – all dies wurde als Indiz für Hexerei gewertet.
Silvia Federici hat in Caliban und die Hexe (2004) überzeugend dargelegt, dass die Hexenverfolgungen nicht nur ein religiöses, sondern ein ökonomisches Disziplinierungsprojekt waren: die gewaltsame Zurichtung weiblicher Körper für die Bedürfnisse des frühkapitalistischen Akkumulationsregimes. Was Federici weniger ausarbeitet – und was für unser Thema zentral ist – ist die akustische Dimension dieser Disziplinierung. Die Hexe wurde nicht nur über ihren Körper, sondern über ihre Stimme identifiziert und verurteilt.
Wenn Kate Bush 1978 in einem Register singt, das nicht vorgesehen ist, wenn sie Laute produziert, die nicht in das Repertoire des Radio-Pop gehören, dann aktiviert sie – bewusst oder unbewusst – ein kulturelles Gedächtnisarchiv, das weit über die unmittelbare Popgeschichte hinausreicht.
III. »Wuthering Heights« als Initiationsritual
Das Debüt verdient eine genaue Lektüre. »Wuthering Heights« ist, oberflächlich betrachtet, die Adaption eines viktorianischen Romans. Aber die Art, wie Bush den Song performt, verwandelt ihn in etwas Anderes. Ihre Stimme springt zwischen Kopf- und Bruststimme, zwischen Flüstern und Schrei, zwischen menschlichem Gesang und etwas, das eher an ein akustisches Phantom erinnert. Sie singt nicht über Cathys Geist – sie wird zur akustischen Manifestation dieses Geistes.
Dieses Verfahren – die Stimme nicht als Werkzeug der Darstellung, sondern als Medium der Verkörperung einzusetzen – ist das zentrale ästhetische Prinzip, das Bush von nahezu allen ihren Zeitgenossinnen unterscheidet. Während andere Performerinnen der späten 1970er Jahre ihre Stimme einsetzen, um eine emotionale Botschaft zu transportieren (Emotion als Inhalt), nutzt Bush die Stimme, um einen Zustand zu erzeugen (Emotion als Erfahrung).
Der Unterschied ist nicht nur ästhetisch, sondern epistemisch. Er betrifft die Frage, was Musik tut gegenüber dem, was sie sagt. Und er verbindet Bush direkt mit einer Tradition des Performativen, die J.L. Austin in einem ganz anderen Kontext beschrieben hat: Sprache, die nicht beschreibt, sondern hervorbringt.
IV. Vergleichsfelder: Björk, Tori Amos, Florence Welch
Die ästhetische Linie, die Kate Bush eröffnet, setzt sich in den folgenden Jahrzehnten fort – aber nicht als bloße Imitation. Björk, die in den 1990er Jahren eine ganz eigene Form vokaler Entgrenzung entwickelt, teilt mit Bush die Verweigerung der stimmlichen Normierung, unterscheidet sich aber fundamental im kulturellen Referenzrahmen. Wo Bush den viktorianischen Gothic aktiviert, operiert Björk in einem isländischen Naturmystizismus, der die Stimme als geologische Kraft inszeniert.
Tori Amos wiederum führt die Hexenästhetik in eine andere Richtung: in die konfessionelle Tradition des amerikanischen Feminismus. Ihre Stimme ist weniger Phantom als Zeugenaussage. Was sie mit Bush teilt, ist die Weigerung, die Stimme als gefällig zu inszenieren. Was sie unterscheidet, ist die Funktion dieser Weigerung: Bei Bush ist sie ästhetische Grenzüberschreitung, bei Amos ist sie politisches Zeugnis.
Florence Welch schließlich repräsentiert eine Generation, die die Hexenästhetik nicht mehr als Transgression, sondern als verfügbares kulturelles Repertoire vorfindet. Ceremonials (2011) ist ein Album, das Hexen-Topoi nicht durchbricht, sondern kuratiert. Das ist kein Vorwurf – es ist eine kulturhistorische Verschiebung, die eigene Aufmerksamkeit verdient.
Von der Transgression zur Kuratierung: Was in den 1970ern noch Grenzüberschreitung war, ist in den 2010ern ästhetisches Repertoire geworden.
V. Die Stimme als Gegenarchiv
Was verbindet diese vier Künstlerinnen jenseits einer vagen ästhetischen Familienähnlichkeit? Meine These ist, dass sie alle – in unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlichen Mitteln – die weibliche Stimme als Gegenarchiv einsetzen. Als einen Speicher von Erfahrungen, Affekten und Wissensformen, die in der dominanten kulturellen Überlieferung keinen Platz haben.
Dieser Begriff des Gegenarchivs verbindet die Analyse der Einzelfälle mit einer größeren kulturwissenschaftlichen Fragestellung: Wie speichern Gesellschaften das, was sie offiziell vergessen? Und welche Rolle spielen ästhetische Praktiken – insbesondere vokale Praktiken – in diesem Prozess des kulturellen Gegen-Erinnerns?
Die Figur der Hexe ist, so betrachtet, nicht einfach ein popkulturelles Motiv. Sie ist eine epistemische Figur: eine Chiffre für Wissensformen, die sich der Rationalisierung entziehen. Und die Stimme ist ihr primäres Medium – nicht weil Hexen singen, sondern weil die Stimme jenes Moment des Körperlichen, Unkontrollierbaren, Transgressiven in sich trägt, das die Hexenfigur seit Jahrhunderten codiert.
Kate Bush hat, als sie 1978 in ein BBC-Mikrophon sang, vermutlich nicht an frühneuzeitliche Hexenprozesse gedacht. Aber die kulturellen Sedimente arbeiten unterhalb der bewussten Intention. Was ihre Stimme freisetzte, war nicht nur ein neuer Sound. Es war die Wiederkehr einer ästhetischen Möglichkeit, die jahrhundertelang diszipliniert worden war. In diesem Sinne war ihr Debüt tatsächlich das, was der Titel ihres zweiten Albums versprach: Lionheart – ein Akt des Mutes, dessen volle Tragweite sich erst im Rückblick zeigt.