Warum die Hexe der Archetyp ist, auf den wir gewartet haben
Es gibt Worte, die tragen Brandnarben. „Hexe“ ist eines davon. Sag es laut, und der Raum verändert sich. Etwas zieht sich zusammen – in den Gesichtern, in den Mägen, irgendwo zwischen Faszination, Abwehr und Belächeln. Kein anderer Begriff der westlichen Kulturgeschichte wurde so gründlich verbrannt und so hartnäckig wieder ausgegraben. Und kein Archetyp ist so dringend nötig wie dieser. Die Walpurgisnacht liegt gerade hinter uns. Jene Nacht, die astronomisch genau zwischen Frühlingstagundnachtgleiche und Sommersonnenwende liegt, eine Zeit zwischen den Zeiten. Was sie geöffnet hat, ist noch nicht geschlossen. Und die Sonnenwende, der hellste Punkt des Jahres, steht unmittelbar bevor.
Ich schreibe das als jemand, der mit dem Mond arbeitet, mit Träumen, mit Pflanzenwissen und mit der tiefen Gewissheit, dass das, was wir „Realität“ nennen, nur einer von sehr vielen Schleiern ist. Manche würden sagen, ich arbeite als „Jungian Witch“. Was für den einen wie eine Provokation klingt, ist für die andere ein Heimkommen. Beides stimmt. Doch bevor wir die Hexe vom Scheiterhaufen der Geschichte holen, müssen wir dort beginnen, wo sie lebt: im kollektiven Unbewussten. C.G. Jung beschrieb Archetypen als vererbte Strukturen der Psyche – seelische Grundbausteine, die in Mythen, Märchen und Träumen tradiert werden. Wir haben in dieser Kolumne schon den Narren getroffen, das Kind, den Helden. Und dann ist da die Hexe. Die in keiner der gängigen Schulen auftaucht. Die nicht eingeladen wurde. Die trotzdem da ist.
Das Wort verrät alles. „Hexe“ kommt vom althochdeutschen „Hagazussa“ – wörtlich: auf der Hecke sitzend. Die Hecke war in der bäuerlichen Kultur Europas die Grenzlinie zwischen dem Kultivierten und dem Wilden. Zwischen Dorf und Wald. Zwischen dem, was wir kontrollieren, und dem, was uns kontrolliert. Die Hexe sitzt genau auf dieser Grenze. Gehört zu keiner Seite ganz. Kennt beide.
Und an dieser Hecke wuchs, was nirgendwo sonst wachsen konnte. Bilsenkraut, dessen Alkaloide Visionen auslösten und in der richtigen Dosierung Schmerzen löschten wie Wasser eine Kerze. Tollkirsche, die den Lebensfaden durchtrennt: tödlich als Beere, heilend als homöopathische Tinktur. Eisenhut, eine der giftigsten Pflanzen Europas, dessen Aconitinsalbe in winzigen Mengen Nervenschmerz betäubte. Beifuß, benannt nach der Mondgöttin selbst, dessen Rauch den Schlaf vertieft und Träume an die Oberfläche zieht, während er als Tee den weiblichen Zyklus an den Mond zurückbindet, als hätte der Körper ihn nie vergessen. Schafgarbe für Wunden und Wahrheit. Stechapfel, der den Geist öffnen und ihn zugleich verschlingen kann, wenn die Hand nicht weiß, was sie tut. Die Heckenapotheke war kein Kräuterregal. Sie war ein pharmazeutisches Manifest: Heilung und Gift wachsen am selben Stängel. Wer das eine beherrscht, kennt das andere. Wer beides kennt, hat aufgehört, die Welt in Gut und Böse zu teilen. Und wer das getan hat, lässt sich nicht kontrollieren.
Heilung und Gift wachsen am selben Stängel. Wer das eine beherrscht, kennt das andere.
Genau das macht die Hexe gefährlich – nicht für Menschen, für Systeme. Für jede Ordnung, die davon lebt, dass Wissen in Zuständigkeiten zerfällt. Die Hexe war schamanisch Praktizierende mit Zugang zur geistigen Welt. Wer die Heckenapotheke beherrschte – Salben, Räucherungen, Flugsalben aus Nachtschattengewächsen –, heilte nicht mit Rezepten, sondern mit Beziehung: zum Körper, zur Pflanze, zum Rhythmus der Erde. Wenn jeder Archetyp eine Sehnsucht und eine Angst bedient, dann lautet die Sehnsucht der Hexe: ganzheitliches Wissen. Zugang zu dem, was unter der Oberfläche liegt, ohne die Oberfläche zu verleugnen. Die Angst: Verfolgung. Sichtbar werden und dafür bestraft werden. In dieser Doppelstruktur liegt ihre transformative Kraft. Wer sich der Hexe stellt, stellt sich dem ältesten Konflikt der westlichen Psyche: dem Verbot, Intuition und Wissen gleichzeitig zu besitzen. Kopf oder Bauch – das System verlangt eine Wahl. Die Hexe verweigert sie. Kein anderer Archetyp tut das. Die Weise wählt den Kopf. Die Rebellin wählt den Bruch. Die Magierin wählt die Transformation. Die Hexe nimmt alles – Wissen, Wildnis, Heilung, Gift – und braut es zusammen. Sie ist kein einzelner Archetyp. Sie ist eine Synthese.
In meiner Praxis als „Jungian Witch“ kommen Menschen nicht, weil sie krank sind. Sie kommen, weil sie funktionieren und trotzdem spüren, dass etwas fehlt. Sie haben therapiert, meditiert, optimiert und stehen immer noch vor demselben blinden Fleck. Die Hexe arbeitet dort, wo Therapie aufhört und Religion nicht hinreicht: im Zwischenraum. Mit Traumdeutung, Kräuterwissen, Tarot – nicht als Orakel, sondern als Spiegel. Was dabei geschieht, ist weder esoterischer Kitsch noch klinische Behandlung: Es ist eine Kunst in der Begegnung mit dem, was Jung den Schatten nannte: die verdrängten, abgelehnten Anteile, die im Unbewussten warten. Menschen lernen dort, dass ihre Intuition kein Defekt ist, sondern ein Organ, das sie verkümmern ließen. Dass Wut Richtung hat. Dass Trauer ein Kompass sein kann. Dass die Wildnis in ihnen kein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern ein Territorium, das betreten werden will. Das zu begleiten, ist nicht anmaßend. Es ist die älteste Form der Fürsorge, die es gibt.
Wer Yoga praktiziert, kennt Pratyahara – den Rückzug der Sinne nach innen. Die Hexe tut das Gegenteil: radikale Öffnung der Sinne nach außen. Zum Wald. Zur Pflanze. Zum Mond. Zum Geruch von Erde nach Regen, der mehr über den Zustand der Welt erzählt als jede Nachrichtensendung. Und doch braucht auch die Hexenarbeit Tapas – jenes innere Feuer der Disziplin, das Patanjali als eines der Niyamas beschrieb. Pflanzenwissen erwartet Geduld. Die Kunst der Musik, des Gesangs, des Dichtens oder Malens will geübt werden. Und Ritualarbeit, die erfordert Konsequenz. Schattenarbeit ist die Bereitschaft, nicht wegzulaufen, wenn es wehtut. Pratyahara nach innen, Hexenarbeit nach außen. Das sind keine Gegensätze. Das sind zwei Hände desselben Körpers. Zusammen greifen sie, was keine allein formen kann.
Die Scheiterhaufen konnten dieses Wissen nicht auslöschen. Sie haben Körper verbrannt, aber nicht das, was diese Körper wussten. Was sie auslöschten, war die Sichtbarkeit. Die Hexe war die, die sich keinem Blick beugte, der sie zur Verfügung stellen wollte. Katharina Kepler, Mutter des Astronomen, angeklagt weil sie heilte und nicht schwieg. Die Hexe von Endor, im Alten Testament die Einzige, die König Saul die Wahrheit sagt, als seine Propheten verstummen. Was die Scheiterhaufen zerstörten, war nicht das Wissen – es war das Paradigma, in dem es offen leben durfte: Heilung als Beziehung, Unabhängigkeit als Lebenspraxis. In der Walpurgisnacht wurde dieses Wissen einst gefeiert – als wilder Polterabend vor der Götterhochzeit. Die Kirche legte den Gedenktag der Heiligen Walburga auf dieses Datum. Aus Astralreisen wurden Besen. Aus Ekstase wurde Teufelsanbetung. Die Mainacht liegt hinter uns, aber die Energie trägt weiter – hinein in die Sonnenwende.
Kopf oder Bauch – das System verlangt eine Wahl. Die Hexe verweigert sie.
Doch die Hexen sind zurück. Seit den 2010er-Jahren beobachtet die Kulturwissenschaft eine massive Rückkehr der Hexenfigur – bei Millennials, bei Frauen, bei queeren Menschen. WitchTok hat Millionen Follower. Tarot-Decks verkaufen sich wie Yogamatten. Das ist kein Trend. Das ist kollektive Schattenintegration. Eine Generation, aufgewachsen in einer durchoptimierten Welt, sucht nach dem, was sich nicht quantifizieren lässt: Intuition, Verbindung, Mysterium. Für queere Menschen kommt die Identifikation mit der Gestalt hinzu, die immer schon zwischen den Kategorien stand und genau dadurch eine Kraft besaß, die das Zentrum nie entwickeln konnte.
Astrologisch ist das kein Zufall. Drei Zeichen finden immer wieder den Weg zur Hexe: Skorpion, Zwilling, Fische – Transformation, Dualität, Durchlässigkeit. Plutos Transit durch den Wassermann seit 2024 verstärkt den Impuls. Der letzte Durchgang fiel in die Jahre 1777 bis 1798 – die Zeit der Französischen Revolution, der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der Aufklärung. Alte Machtstrukturen zerbrachen. Und jetzt? Diktaturen konsolidieren sich weltweit. Autoritäre Führer inszenieren sich als Retter. Die spirituelle Welt hat sich zu lange zurückgezogen. Andere Archetypen der spirituellen Praxis – die Priesterin, die Weise, die Mondgärtnerin – arbeiten in Zyklen: Neumond, Vollmond, Jahreskreisfeste. Die Hexe kennt diese Zyklen, ehrt sie. Aber sie ist die Einzige, die auch außerhalb von ihnen handelt, wenn die Zeiten es verlangen. Die nicht auf den nächsten günstigen Mond wartet, wenn jetzt gehandelt werden muss. Wer die eigene Kraft lebt und es wagt, das auch zu zeigen, verschiebt etwas. Nicht in den Köpfen der Überzeugten. In den Köpfen der Zögernden.
Doch wo finden wir die Hexe? Wie werden wir zur Hexe? Die Hecke ist überall. Sie verläuft zwischen dem, was du zeigst, und dem, was du weißt. Zwischen dem Leben, das du führst, und dem, das in dir wartet. Du musst nur aufhören, so zu tun, als wärst du nicht längst auf ihr angekommen…
Dann war es so weit. Sie löste heimlich den strengen Zopf um Mitternacht – eine stille Krone aus zerzausten Ideen auf ihrem Kopf. Kein Applaus, kein Like – nur ihr Spiegel als Mitwisser, während sie barfuß durch die Küche tanzt, frei von der Schwerkraft der Rollenbilder. Sie speichert diesen Moment im Inkognito-Modus ihres Herzens – ein erster Sieg, der am nächsten Morgen mit ihr Kaffee trinkt.